Zu einem politischen Abend mit Sven Giegold versammelten sich am Mittwochabend, dem 29. April, im Hotel Höltje in Verden zahlreiche Interessierte. Eingeladen hatte der Ortsverband Verden der Grünen. Moderiert wurde die Veranstaltung vom Fraktionsvorsitzenden Rasmus Grobe. Giegold, ehemaliger Europaabgeordneter, dann Staatssekretär im Bundeswirtschaftsministerium unter Robert Habeck und aktuell stellvertretender Bundesvorsitzender der Grünen, lebt in der Region und kennt die lokale Energiesituation aus eigener Anschauung.
Giegold zeichnete zunächst ein nüchternes Lagebild: Die Ampelkoalition habe beim Strom echte Fortschritte erzielt – der Solarausbau habe sich verdreifacht, Windgenehmigungen an Land seien um den Faktor fünf gestiegen, Netzgenehmigungen sogar versechsfacht worden. Rund 60 Prozent des deutschen Stroms kämen inzwischen aus erneuerbaren Quellen. Beim Gesamtenergiebedarf jedoch kämen erst gut 22 Prozent aus erneuerbaren Quellen. Insbesondere bei Wärme und Verkehr gäbe es erheblichen Handlungsbedarf.
Scharf kritisierte er die Energiepolitik der CDU-SPD-Bundesregierung. Wirtschaftsministerin Katherina Reiche plane, die Einspeisevergütung für mittelgroße Dachanlagen zu streichen – was in Norddeutschland mit 15 Prozent weniger Sonneneinstrahlung als im Süden faktisch einem Ende des Ausbaus solcher Anlagen gleichkomme. „Für Niedersachsen bedeutet das ein Ende der größeren PV-Anlagen.“ Noch gravierender sei der geplante „Redispatch-Vorbehalt„, der Entschädigungen für abgeregelte Windkraftanlagen streichen würde, sobald deren Anteil in einer Region drei Prozent übersteigt. Kein Investor werde unter solchen Bedingungen noch Windanlagen finanzieren. „Das bedeutet einen Ausbaustopp für die Windenergie in Niedersachsen. Es wird praktisch nirgendwo mehr gebaut“, befürchtet Giegold. Den Hintergrund dieses Bremskurses sieht Giegold in einer zu niedrig angesetzten Energiebedarfsprognose der Ministerin: Reiche gehe davon aus, dass Deutschland künftig weniger Strom verbrauchen werde – plane also faktisch kein Wirtschaftswachstum ein, obwohl in allen Bereichen die Zeichen auf Elektrifizierung stünden. „Wir haben jetzt die absurde Situation, dass die Grünen Industrie und Wirtschaftswachstum verteidigen gegen eine CDU-Wirtschaftsministerin, die damit nicht plant“, so Giegold. Auch beim Thema Reservekapazitäten für Dunkelflauten gehe Reiche den falschen Weg. Die Regierung plane 20 Gigawatt neue Gaskraftwerke – alternative Technologien wie flexible Industrienachfrage, Batteriespeicher oder europäische Kapazitäten seien von vornherein ausgeschlossen. Die Grünen hingegen forderten offenen Technologiewettbewerb: „Es ist praktisch sicher, dass wir 5 Gigawatt Gas brauchen – aber nicht 20.“ Die unnötigen Gaskraftwerke würden am Ende alle über den Strompreis bezahlen.
Als Gegenmodell stellte Giegold das auf dem letzten Bundesparteitag beschlossene Konzept der „Energiewende 2.0“ vor, das auf vier Säulen ruht: Ausbau aller erneuerbaren Energieformen, Digitalisierung der Stromnetze, dezentrale Erzeugung in Bürgerhand und sichere Versorgung der Industrie. Einen besonderen Schwerpunkt legte er auf die Digitalisierung der Verteilnetze. Deutschland habe unzählige Verteilnetzbetreiber, die alle unterschiedliche Standards verlangten – ein „bürokratisches Nightmare“ für Handwerker und Installateure. Dabei könnte das systematische und zügige Ausrollen von Smart Metern und dynamischer Stromtarife, in Skandinavien und den Niederlanden längst Standard, den Verbrauch flexibel an das schwankende Angebot von Wind und Sonne anpassen und die Energiewende insgesamt günstiger machen. Reiche bremse den Ausbau der Erneuerbaren mit dem Argument fehlender Effizienz, tue aber zugleich wenig für die nötige Digitalisierung und Flexibilisierung.
In der lebhaften Diskussion mit dem Publikum ging es unter anderem um die Wirtschaftlichkeit von Solaranlagen verschiedener Größen, die Kombination von Elektroauto, Wärmepumpe und Photovoltaik. Zahlreiche Teilnehmende berichteten von ihren positiven Erfahrungen – vor allem, wie sehr sich Erneuerbare wirtschaftlich rechnen. Rasmus Grobe schloss den Abend mit dem Aufruf, Wissen und Erfahrungen weiterzugeben – zum Beispiel bei Gesprächen in der Nachbarschaft.
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